MATERIALIZING FEMINISM. Veranstaltungsreihe zu Theorie & Praxis feministischer Kämpfe

Es sind bewegte Zeiten. Autoritäre und rechte Ideologien gewinnen weiter an Zustimmung und ihre Vertreter*innen führen Angriffe auf erkämpfte Errungenschaften emanzipatorischer Bewegungen. Gleichzeitig sind in den vergangenen Jahren weltweit feministische Bewegungen so kraftvoll wie lange nicht mehr. Women’s marches, Frauen*streiks (1), #MeToo, „Ni Una Menos“ und viele mehr. Ob in den USA, Polen, Spanien, Lateinamerika, Türkei/Kurdistan, Deutschland oder anderswo – feministische Proteste bilden eine neue globale Bewegung. Auch in Kiel haben die Mobilisierungserfolge der letzten drei Jahre zu den Demonstrationen am 8. März gezeigt, dass ein großes Potential für eine kraftvolle feministische Bewegung und ein starkes Bedürfnis nach einer solchen besteht. Vor diesem Hintergrund möchten wir mit unserer Veranstaltungsreihe einen Beitrag zu der Auseinandersetzung mit dieser neuen und starken feministischen Bewegung leisten, die wir an einem Scheideweg sehen: Auf der einen Seite der Weg des liberalen Feminismus, dem die Idee von einer auf „Chancengleichheit“ beruhenden Herrschaft zu Grunde liegt und mit einer „Frauen* an die Spitze“-Argumentation daherkommt. Und auf der anderen Seite der Weg eines Feminismus, der die Grundfesten der kapitalistischen und patriarchalen Ordnung von Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung zu erschüttern versucht. Wir plädieren dafür, letzteren Weg einzuschlagen, das vermeintliche Gegeneinander von Identitätspolitik und Klassenpolitik zu überwinden und Teil einer feministischen Bewegung zu werden, die einen sichtbaren Gegenpol zur autoritären Rechten genauso wie zum Neoliberalismus markieren und Trägerin eines revolutionären Aufbruchs in eine solidarische Zukunft werden kann.


„Uns reicht’s. Wir streiken!“: Zur Geschichte und Perspektive von Frauen*streiks

Donnerstag, 23. Januar 2020 | 19 Uhr | Li(e)ber Anders | Iltisstr. 34, Kiel

Über die Geschichte von Arbeitskonflikten und Streiks gibt es viele Erzählungen. Was hierbei fehlt sind geschlechtsspezifische Analysen. Besaßen Frauen* lange als „Arbeitspersonen“ keinen Subjektstatus, weil sie in der Erwerbsarbeit traditionell nicht vorgesehen sind, so trifft das erst recht bei der Betrachtung von Arbeitskämpfen zu: Streikende Subjekte wurden lange Zeit ausschließlich männlich gedacht. An diesem Abend soll es um die zu Unrecht vergessenen Frauen* gehen, die an Streiks beteiligt waren und um Frauen*streiks, die der historischen Arbeiterbewegung oft erst ihren Schwung gaben. Ihr Einsatz, ihre Forderungen und ihre Wirkungen haben sich im Laufe der Zeit und mit zunehmender Erstarkung der Frauen*bewegung geändert.

Gisela Notz unterscheidet zwischen Streiks, die mehrheitlich von Frauen* getragen wurden, „reinen“ Frauenstreiks und kollektiven Frauen*aktionen zur Unterstützung streikender Männer. Den Schwerpunkt bilden Frauen*streiks, bei denen sowohl bezahlte wie auch unbezahlte Arbeit bestreikt wurde, wie etwa beim isländischen (1975), schweizer (1991), deutschen (1994) oder spanischen (2018) Frauen*streik. Die meisten der 1994 beim Streik in der BRD gestellten Forderungen bestehen bis heute fort. Daher wird die feministische Bewegung die, in den letzten Jahren wiedergefundene Streikkultur auch in diesem Jahr fortsetzen und ihren Protest wieder auf die Straße und in die Betriebe tragen. Was für eine Perspektive feministische Streiks heute haben und wie sie unter den derzeitigen Verhältnissen aussehen können, möchten wir gemeinsam mit Euch diskutieren.


Materialistischer Feminismus in Theorie und Praxis

Sonntag, 16. Februar 2020 | 16 Uhr | Hansa48 (Kneipe) | Hansastr. 48, Kiel

Feminismus ist heute so en vogue wie noch nie und trotzdem hält sich Geschlechterungleichheit hartnäckig. Die ungerechte Verteilung von Haus- und Sorgearbeit und ihre Auswirkungen sind nur ein Beispiel dafür. Staatliche Gleichstellungsstrategien oder Karriereratgeber für Frauen* können dem nur wenig entgegensetzen. Im Gegenteil: sie machen Ungleichheit zu einem ganz individuellen Problem, das mit mehr Anstrengung und Leistung gelöst werden soll. Materialistischer Feminismus nimmt hingegen die Gesellschaft als Ganzes in den Blick und benennt die strukturellen Ursachen von Geschlechterungleichheit. Gleichzeitig geht es dem materialistischen Feminismus aber nicht nur darum die Verhältnisse zu kritisieren, sondern auch zu verändern.

Der Vortrag führt in die Theorie, Ziele und Anliegen des materialistischen Feminismus ein. Im Anschluss gibt es die Gelegenheit praktische Strategien und Interventionsmöglichkeiten zu diskutieren.

Friederike Beier ist Politologin im Arbeitsbereich Gender & Diversity an der FU Berlin. Sie lehrt und forscht zu sozialer Reproduktion, materialistischem Feminismus und feministischer Staatstheorie. Sie ist Autorin und Mitherausgeberin des Sammelbandes „materializing feminism. Positionierungen zu Ökonomie, Staat und Identität“ und Gründungsmitglied des Politologinnen-Instituts.


(1) Wir haben die Begriffe „Frau“ und „Mann“ mit * markiert, weil wir zum einen darauf hinweisen wollen, dass Zweigeschlechtlichkeit nichts Natürliches, sondern eine soziale Konstruktion ist, die patriarchale Herrschaftsverhältnisse schafft und stützt. Das Sternchen soll auch zeigen, dass es eben mehr als zwei Geschlechter gibt und trotz der verbreiteten Kategorisierung “Frauenstreik” nicht nur Frauen, sondern auch nichtbinäre und genderqueere Personen an solchen Streiks teilgenommen haben und teilnehmen. Wir freuen uns darauf, zu erfahren, wer sich in diesen Kämpfen wie und mit wem organisiert (hat).

Die Veranstaltungen finden in Kooperation mit der Rosa Luxemburg Stiftung S-H statt.

Perspektive Solidarität Kiel – linksradikal*revolutionär (PSK)
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