Kundgebung | Sonntag, 04.01.2026 | 15 Uhr | Reventloubrücke/Kiellinie | Kiel
In der Nacht von Freitag auf Samstag hat das US-Militär auf Weisung von Donald Trump Venezuela bombardiert und seinen amtierenden Staatspräsidenten Nicolás Maduro sowie seine Ehefrau Cilia Flores entführt. Unter dem durchschaubaren Vorwand, sie seien in Drogenkartelle verwickelt, sollen beide nun nach New York verschleppt werden und dort vor ein Strafgericht gestellt werden. Bereits in den zurückliegenden Wochen hatte es wiederholte Angriffe auf vermeintliche Drogenboote aus Venezuela mit über 100 Toten gegeben. Worum es dabei aber wirklich geht, hat Trump zuletzt selbst immer wieder offen ausgesprochen und sich abgezeichnet: Einen Regime Change vollziehen, um den Zugriff auf die reichhaltigen Ölvorkommen des Landes wieder herzustellen, der den USA „gestohlen“ worden sei und „Venezuela regieren“.
Denn wir erinnern uns: Mit der Wahl von Hugo Chavez zum Staatsoberhaupt begann zum Jahrtausendwechsel, parallel zu anderen linken Aufbrüchen auf dem Kontinent, die bolivarische Revolution; Venezuelas ambitionierter Weg zum Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Ziel der daran anschließenden umfassenden Regierungsmaßnahmen war es, mit der Jahrhunderte andauernden Geschichte des Kolonialismus in Lateinamerika zu brechen, den Reichtum des Landes vor der Ausplünderung insbesondere durch den US-Imperialismus zu schützen und ihn stattdessen der Bevölkerung zukommen zu lassen. Begleitet war dies von einem gesellschaftlichen Demokratisierungsprozess, der die großflächige Förderung von Kooperativen und Betrieben in Arbeiter:innenselbstverwaltung genauso umfasste, wie eine Räteorganisierung und andauernde politische Mobilisierung in den benachteiligten Vierteln. Soziale Maßnahmen und eine Bildungsoffensive verbesserten die Lebensbedingungen insbesondere der ärmeren Teile der Bevölkerung spürbar. So waren es auch die popularen Klassen und indigene Bevölkerungsteile, die die Massenbasis der bolivarischen Revolution darstellten und sie aktiv und enthusiastisch vorantrieben. Dieser für etwa ein Jahrzehnt durchaus erfolgreiche Prozess vollendete zwar noch nicht die Abschaffung der bürgerlichen Verhältnisse und den Bruch mit dem Kapitalismus, änderte aber die Richtung der gesellschaftlichen Entwicklung grundlegend. Oder wie es eine Arbeiter:innendelegation aus Venezuela mal auf einer Veranstaltung in Kiel formulierte: „Der Klassenkampf in Venezuela ist nicht vorbei, aber die Regierung steht nun auf unserer Seite.“
Voraussetzung für die zahlreichen Sozialreformen war die schrittweise Verstaatlichung von ökonomischen Schlüsselsektoren, darunter Telekommunikation, Strom, Textil-, Papier-, Stahl- und Zementfabriken, Banken, Betrieben der Lebensmittelindustrie, landwirtschaftliche Flächen und entscheidend: Öl. Hierin bestand auch der eigentliche Bruch mit dem Imperialismus, der sich bis dahin ungehindert an den reichhaltigen Schwerölvorkommen Venezuelas bedienen konnte. Insbesondere die USA reagierten hierauf aggressiv mit Sanktionen, Strafzöllen von 25% auf venzoelanisches Öl, Drohungen und immer wieder innenpolitischer Einmischung.
Der in Venezuela sich entwickelte Sozialismus des 21. Jahrhunderts hatte in den 00er Jahren bedeutende Ausstrahlungskraft auf die gesamte globale Linke und war treibende Kraft der linken Emanzipationsbemühungen in Lateinamerika. Spätestens mit dem Tod Hugo Chavezs und der Übergabe seines Amtes an Nicolás Maduro im Jahr 2013 wurden die durchaus berechtigten Hoffnungen immer stärker getrübt. Nicht nur die Sanktionen, auch die nicht überwundene Abhängigkeit vom Öl stürzten das bolivarische Projekt mit dem Absturz des Ölpreises um 2014 in eine tiefe Krise, aus der es sich nicht mehr befreien konnte. Stattdessen bildete Maduros Regierungsstil immer autoritärere und repressivere Formen heraus, der Proteste aus der Bevölkerung gegen den massiven Versorgungsnotstand und auch linken Widerspruch brutal unterdrückte. Auch musste sich Maduro wiederholt den Vorwürfen der Wahlmanipulation und der Korruption stellen. All dies sind für uns als Linke gute Gründe, heute auf Distanz zu dem zu gehen, was vom Chavismus übrig geblieben ist. Nichtsdestotrotz bleibt es unsere Pflicht, die imperialistische Aggression gegen Venezuela durch die USA entschieden zurück zu weisen.
Denn wenn etwas von den bolivarischen Errungenschaften auch heute noch Bestand hat, ist es die Standhaftigkeit Venezuelas gegenüber den imperialistischen Ausbeutungsbestrebungen, die Trump nun militärisch durchsetzen will, nachdem die USA damit auf politischem Wege über viele Jahre gescheitert sind. Die Folgen des offen angekündigten Regime Changes und der Einsatz einer US-hörigen Marionettenregierung wird für die venezolanische Bevölkerung keine Verbesserungen bringen, sondern sie zurück in die totale Abhängigkeit vom Imperialismus und innenpolitisch ins Chaos stürzen. Profitieren wird die kleine rechte Bourgeoisie, die schon immer die Stiefellecker des US-Imperialismus gewesen ist.
Es ist die unverkleidete Rückkehr der Monroe-Doktrin aus dem 19. Jahrhundert, die Lateinamerika zum Hinterhof der USA und alle Bestrebungen, die sich der Unterwerfung entziehen oder entgegen stellen, zum Feind erklärt, der notfalls gewaltsam beseitigt wird. Der aktuelle Angriff auf Venezuela reiht sich ein in eine Reihe von Putschen, Militärjuntas und konterrevolutionären Banden, die die USA im zurückliegenden Jahrhundert mal mehr, mal weniger offensichtlich unterstützt und aufgerüstet haben, um ihre Hegemonie zu sichern. Doch was sie dennoch nie geschafft haben, ist das Streben nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung in Lateinamerika zu brechen und auszulöschen. Das haben die wiederkehrenden linken, antiimperialistischen und indigenen Aufbrüche auf dem Kontinent in 500 Jahren kolonialer Unterdrückung immer wieder unter Beweis gestellt. Ihnen gilt auch heute unsere uneingeschränkte Solidarität, wenn der global vielerorts kriegerisch eskalierende imperialistische Wettstreit eine weitere Region ins Verderben stürzt und sein perfides Spiel der Aufteilung und Ausplünderung der Welt, das er zuletzt in der Ukraine, im Mittleren Osten und bald vielleicht auch in Ostasien betreibt, in Lateinamerika seit Jahrzehnten erstmals wieder mit offener militärischer Intervention fortsetzt. Dies bedeutet auch hier, im Herzen der imperialistischen Bestie, Widerstand zu entwickeln und linke Gegenmacht von unten aufzubauen. Denn dass die USA trotz des offenen Bruchs des Völkerrechts außer kleinlauter Mahnungen irgendetwas Handfestes von den hiesig Herrschenden zu befürchten hätten, steht außer Frage. Wenn der Imperialismus bereit ist, seine ganze militärische Macht auszuspielen, um unseren Planeten dem Kapital zum Fraß vorzuwerfen, liegt es an uns, sie zu brechen.
Yankees raus aus Venezuela!
Unabhängigkeit und Selbstbestimmung für Lateinamerika!
Tod dem Imperialismus – hoch die Internationale Solidarität!
Perspektive Solidarität Kiel | perspektive-solidaritaet.org